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Das Zimthaus

Roman

Erschienen am 05.03.2007
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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783453811256
Sprache: Deutsch
Umfang: 366 S.
Format (T/L/B): 2.9 x 18.8 x 12 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

Heiter-melancholischer Roman über das letzte Jahr einer bedrohten Kindheitsidylle Nur drei Häuser säumen die idyllische, nahe einem See gelegene Sankt-Laurentius-Allee. Das sogenannte Zimthaus erinnert mit seinem exotischen Ambiente an die Zeit, als die Familie Asmussen einen internationalen Gewürzhandel in Indien betrieb. An einem herrlichen Frühsommertag ist das Zimthaus zu Ehren der Geburt eines neuen Familienmitglieds festlich geschmückt. Da geschieht ein folgenschweres Unglück. Ein Meisterwerk der neuen skandinavischen Literatur, das Kritiker zu Recht mit John Irvings besten Werken vergleichen.

Autorenportrait

Bjarne Reuter, 1950 in Dänemark geboren, ist als Autor von Kinderbüchern und psychologischen Spannungsromanen international bekannt. Er erhielt so gut wie alle dänischen Literaturpreise und zahlreiche internationle Auszeichnungen, viele seiner Bücher wurden verfilmt.

Leseprobe

Erstes Kapitel Folgen Sie mir zur Sankt-Laurentius-Allee, an einem Sonntag im Mai, gegen Ende der größten Hitzewelle des Jahrhunderts. Seit drei Tagen war der Himmel schwer und grau, violett und schwelend. Der Wind trieb einen Geruch von Erde, Jod und Asche vor sich her. Aber jetzt ist der See schwarz wie Samt, und die großen, curryfarbenen Lärchen sind von einer Unruhe befallen, die sich über das gesamte Viertel ausbreitet. Folgen Sie mir zu diesem ersten Tag eines sonderbaren Jahres. Sechs Monate lang haben wir auf genau diesen Augenblick gewartet. Wir sitzen auf den ausgebleichten Liegestühlen unter der großen Eiche, die sich auf dem Rasen zwischen dem Zimthaus und dem See befindet: Ingeborg und Amalie, Max Denholm und ich. Oben im zweiten Stock ist das Fenster leicht geöffnet. Der Vater der Mädchen, Direktor Asmussen, ist von seinem Büro in der Bredgade nach Hause gekommen. Und die Hebamme ist da und die allgegenwärtige Oda Nielsen, die schon zur Stelle war, als Ingeborg und Amalie geboren wurden. Der Vater von Max, Dr. Denholm, geht auf dem Kies vor dem Zimthaus auf und ab und raucht eine Zigarre nach der anderen, während er verstohlen auf die Uhr blickt und sein Ohr auf das offene Fenster richtet. Ich lausche dem Wind in den Blättern, die leise rascheln, als würden sie den Namen des Kindes flüstern. Dieser Baum hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, denn man sagt, er spräche in der Heiligen Nacht zwischen zwölf und vier. In alter Zeit sammelten sich die Menschen unter seinem Blätterdach, wo Feldsteine einen Kreis bildeten, einen sogenannten Thingplatz, an dem sich die Ältesten und Klügsten trafen und über das Heute und das Morgen, das rätselhafte Leben und den unausweichlichen Tod sprachen. Daher ist der Baum voller Weisheit. Mit seinen Tausenden von Blättern lauscht er dem Wind, dem Regen und dem Nahen des Herbstes, und mit seinen Wurzeln, die sich von Fuglevad bis nach Frederiksdal erstrecken, nährt er sich aus Quellen, die kein Brunnen erreicht und die Wasser des Schnees längst vergangener Zeiten führen. Ingeborg hat Limonade geholt. Der Stoff der Liegestühle ist alt und verschlissen und hat dem Gewicht von Max wenig entgegenzusetzen. Die Stühle wurden während des Ersten Weltkriegs angefertigt, und man sagt, ihre Farbe passe sich der Stimmung ihrer Benutzer an. Gerade jetzt ist mein Stuhl blau. Weit draußen auf dem Badesteg sitzen drei kleine Seeschwalben und warten auf das Abflauen des Windes. Die Flaggenleine klappert unentschlossen. Max findet, sein Vater könnte endlich die Geburt einleiten. Aus lauter Unruhe gehe ich ums Haus herum und auf die Straße. Ich betrachte den cremefarbenen Kinderwagen, der schon auf der Veranda bereitsteht, und Otto Nielsen, den man jetzt, nachdem wir trübes Wetter bekommen haben, zum Fensterputzen verdonnert hat. Sein Großvater ist gerade damit beschäftigt, den Haupteingang mit Blumengirlanden zu dekorieren. »Es wird Regen geben, Elliot«, sagt Otto. Ich antworte ihm nicht und gehe zurück, an den kleinen, scheckigen Platanen entlang. Das Wetter bleibt unverändert. Wir warten alle, auch die Platanen, die Liebesbäume genannt werden und gepflanzt wurden, nachdem die Schwestern auf die Welt kamen. Ingeborg, die Älteste, hat ihr Haar geflochten, und es sieht wie Hanf aus. Sie hat eines der altmodischen Kleider angezogen, die sie von ihrer Großmutter, genannt Grande, geerbt hat. Obwohl fraglich ist, ob man damals überhaupt Kleider getragen hat. Max sagt, Grande stamme aus dem finsteren Mittelalter; unten in der Stadt ist sie als Hexe aus dem Zimthaus bekannt. Ingeborgs Kleid ist lang und ein bißchen zerknittert. Aus irgendeinem Grund knittern alle ihre Kleidungsstücke. Sie sagt, der Stoff habe dieselbe Farbe wie junge Muskatblüte, also scharlachrot. Vielleicht ist es die Muskatblütenfarbe, die ihre Haut so weiß erscheinen läßt. Möglicherweise ist es aber auch der Ernst des Tages. An den Füßen trägt sie ein Paar goldene Schuhe mit schiefen Absätzen. Sie sind um ei Leseprobe

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